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Ich habe in großen Kriegen gekämpft, um das Imperium zu verteidigen, und im Namen des Imperators viele Menschen getötet. Ich habe an Sitzungen des Landsraads teilgenommen. Ich habe die Kontinente von Caladan bereist. Ich habe alle schwierigen Aufgaben erfüllt, die mit der Führung eines Großen Hauses verbunden sind. Doch am besten war die Zeit, die ich mit meinem Sohn verbracht habe.
Herzog Paulus Atreides
Als das herzogliche Flügelboot vom Hafenkai ablegte und aufs Meer hinausfuhr, stand Leto am Bug und blickte auf das uralte Gebäude der Burg Caladan, in der das Haus Atreides nun schon seit sechsundzwanzig Generationen regierte.
Er konnte auf diese Entfernung keine Gesichter erkennen, aber er sah eine schmale Silhouette auf einem hohen Balkon. Kailea. Obwohl sie dagegen protestiert hatte, dass er den jungen Victor, der noch keine zweieinhalb Jahre alt war, auf diesen Ausflug mitnahm, war sie dennoch gekommen, um sich auf ihre ruhige Art von ihnen zu verabschieden. Das gab Leto Hoffnung.
»Kann ich das Ruder übernehmen?« Auf Rhomburs rundem Gesicht stand ein erwartungsvolles Lächeln. Sein unordentliches strohblondes Haar flatterte in der frischen Brise. »Ich habe noch nie zuvor ein großes Flügelboot gesteuert.«
»Warte, bis wir das offene Meer erreicht haben.« Leto bedachte den ixianischen Prinzen mit einem verschmitzten Grinsen. »Dort ist es sicherer. Ich kann mich vage erinnern, wie du schon einmal ein Schiff zu Bruch gefahren hast.«
Rhombur errötete. »Seitdem habe ich eine Menge gelernt. Äh ... insbesondere, keine Dummheiten mehr zu machen.«
»So ist es. Tessia hat einen guten Einfluss auf dich.« Die Bene-Gesserit-Konkubine mit dem mausbraunen Haar hatte Rhombur zum Hafen begleitet und ihn zum Abschied umarmt und leidenschaftlich geküsst.
Kailea hingegen hatte sich geweigert, aus diesem Anlass die Burg zu verlassen.
Im Heckbereich des V-förmigen Gefährts kicherte der kleine Victor und ließ die Hände durch die eiskalte Gischt streichen, während der ewig wachsame Hauptmann Swain Goire auf ihn Acht gab. Goire bemühte sich, den Jungen zu unterhalten, während er ihn gleichzeitig beschützte.
Acht Männer begleiteten Leto und Victor auf dieser Vergnügungsfahrt. Neben Rhombur und Goire hatte er Thufir Hawat, zwei Wachmänner, den Kapitän des Schiffs und zwei Fischer mitgenommen, Gianni und Dom, mit denen Leto schon als kleiner Junge am Hafen gespielt hatte. Sie wollten fischen und die Seegraswälder und Tanginseln besuchen. Leto wollte seinem Sohn die Wunder von Caladan zeigen.
Kailea hätte Victor am liebsten in der Burg eingesperrt, wo ihm nichts Schlimmeres als eine ordinäre Erkältung widerfahren konnte. Leto hatte sich ihre Klagen schweigend angehört und gewusst, dass der Bootsausflug gar nicht der Grund für ihre Einwände war, sondern lediglich die neueste Manifestation. Es war immer wieder dasselbe alte Problem ...
Vielleicht war Kailea schließlich durch Chiaras Einflüsterungen überzeugt worden, dass Leto die Schuld an ihrer unerträglichen Situation trug. »Ich will mehr als nur ein Flüchtling im Exil sein!«, hatte sie während ihres letzten gemeinsamen Abends geschrien. Als ob das irgendetwas mit dem Bootsausflug zu tun hätte ...
Leto hatte den Drang unterdrückt, Kailea daran zu erinnern, dass ihre Mutter ermordet, ihr Vater ein gejagter Flüchtling und ihr Volk immer noch von den Tleilaxu versklavt war – während sie als Lady eines Herzogs mit einem gesunden Sohn und dem Reichtum und Luxus eines Großen Hauses leben durfte. »Du solltest dich nicht beklagen«, hatte er mit düsterer Wut entgegnet.
Auch wenn er sie nicht beschwichtigen konnte, wollte Leto nur das Beste für ihren Sohn.
Unter dem wolkenverhangenen Himmel atmeten sie nun frische Meeresluft und entfernten sich immer weiter vom Land. Das Flügelboot schnitt durch das Wasser wie eine Messerklinge durch Pundi-Reispudding.
Thufir Hawat stand wachsam im Deckshaus und behielt die Signaleinrichtungen und die Wetterentwicklung im Auge. Er tat alles, um zu verhindern, dass sein geliebter Herzog in irgendeine Gefahr geriet. Der Meister der Assassinen hielt sich gut in Form. Seine Haut war ledrig, seine Muskulatur kräftig wie Kabelstränge. Sein scharfer Mentatengeist konnte die verborgenen Rädchen in feindlichen Intrigen erkennen. Er bedachte Konsequenzen dritter und vierter Ordnung, die Leto oder selbst Kailea mit ihrem ökonomisch geschulten Verstand niemals begreifen konnten.
Am frühen Nachmittag warfen die Männer Netze aus. Obwohl er sein ganzes Leben als Fischer verbracht hatte, machte Gianni kein Geheimnis daraus, dass er jederzeit ein großes, saftiges Steak mit einem Glas guten caladanischen Weins vorziehen würde. Aber hier draußen mussten sie das essen, was das Meer ihnen zur Verfügung stellte.
Als die Netze mit den zappelnden und sich windenden Geschöpfen eingezogen wurden, lief Victor herbei, um die schönen Fische mit den farbigen Schuppen zu bewundern. Goire blieb gewissenhaft in der Nähe des Jungen und hielt ihn von den Exemplaren mit giftigen Stacheln fern.
Leto suchte vier dicke Butterfische aus, die Gianni und Dom in die Kombüse brachten, um sie zu putzen. Dann ging er neben seinem neugierigen Sohn in die Knie und half ihm, die übrigen Fische aufzulesen. Gemeinsam warfen sie sie über Bord, und Victor klatschte begeistert in die Hände, wenn die schlanken Geschöpfe ins Wasser tauchten.
Ihre Reise führte sie zu schwimmenden Kontinenten aus zusammenhängendem Sargasso-Tang, eine grünlich-braune Einöde, die sich über das Meer erstreckte, so weit das Auge reichte. Breite Flüsse schnitten durch die Algenmasse. Fliegen summten und legten ihre Eier in glänzenden Wassertropfen ab, schwarz-weiße Vögel hüpften von Blatt zu Blatt und verzehrten Garnelen, die sich im warmen Oberflächenwasser tummelten. Der stechende Geruch nach verwesender Vegetation erfüllte die Luft.
Als die Männer im Tang vor Anker gingen, unterhielten sie sich und sangen Lieder. Swain Goire half Victor, eine Angelleine über die Reling zu werfen, und obwohl sich sein Haken immer wieder im Tang verfing, gelang es dem Jungen, mehrere silbrige Fingerfische aus dem Wasser zu ziehen. Victor lief in die Kabine, um seinem Vater die schlüpfrigen Fische zu zeigen, der die Angelkünste seines Sohnes lobte. Nach einem so erschöpfenden Tag kroch der Junge kurz nach Sonnenuntergang in seine Koje und schlief ein.
Leto und die zwei Fischer vertrieben sich die Zeit mit Glücksspielen. Obwohl er ihr Herzog war, nahmen Gianni und Dom keine Rücksicht und ließen ihn keineswegs gewinnen. Sie betrachteten ihn als Freund ... genauso wie es sich Leto wünschte. Als sie später traurige Geschichten erzählten und tragische Lieder sangen, weinte Gianni bei der leisesten Andeutung von Rührseligkeit.
Und spät in der Nacht saßen Leto und Rhombur in der Dunkelheit auf dem Deck und unterhielten sich. Rhombur hatte vor kurzem eine knappe codierte Botschaft erhalten, dass C'tair Pilru den Sprengstoff erhalten hatte. Aber kein Wort, wie er ihn einzusetzen gedachte. Der Prinz hätte sich gerne angesehen, was die Rebellen in den Höhlen seines Heimatplaneten taten, aber er konnte sich nicht nach Ix wagen. Er wusste nicht, was sein Vater in dieser Situation getan hätte.
Sie sprachen auch über Letos diplomatische Bemühungen im Moritani-Ecaz-Konflikt. Es war ein langwieriger Prozess, und der Widerstand rührte nicht nur von den zerstrittenen Parteien her, sondern auch von Imperator Shaddam persönlich, dem die Einmischung der Atreides gar nicht recht zu sein schien. Shaddam glaubte, dass er das Problem längst bereinigt hatte, nachdem einige Jahre lang eine Sardaukar-Legion auf Grumman stationiert gewesen war. Doch in Wirklichkeit waren die Feindseligkeiten dadurch nur hinausgeschoben worden. Nachdem die imperialen Truppen abgezogen waren, nahmen die Spannungen wieder zu ...
Sie schwiegen längere Zeit, und Leto beobachtete Hauptmann Goire, der ihn an einen anderen Freund und Mitstreiter erinnerte. »Duncan Idaho ist jetzt schon seit vier Jahren auf Ginaz.«
»Er wird einmal ein großer Schwertmeister sein.« Rhombur starrte über die Tangwüste, in der pelzige Murmonen glucksend im Chor sangen und sich in der Dunkelheit durch Rufe verständigten. »Und nach so vielen Jahren der harten Ausbildung wird er für dich noch tausendmal wertvoller sein. Du wirst sehen.«
»Trotzdem vermisse ich ihn.«
* * *
Am nächsten Morgen wachte Leto in der taufeuchten grauen Dämmerung auf. Er atmete tief durch und fühlte sich erfrischt und voller Energie. Victor schlief noch unter der Decke, die er mit einer kleinen Faust festhielt. Rhombur gähnte und streckte sich in seiner Koje, aber er schien keine Anstalten machen zu wollen, Leto nach draußen aufs Deck zu folgen. Auch auf Ix war der Prinz noch nie ein Frühaufsteher gewesen.
Der Kapitän des Flügelboots hatte den Anker bereits gelichtet. Auf Hawats Anweisung – schlief der Mentat eigentlich jemals? – fuhren sie durch einen breiten Kanal im Seetang zurück aufs offene Meer. Leto stand auf dem Vorderdeck und genoss die Stille, die nur durch das Summen der Flügelbootmotoren gestört wurde. Selbst die Tanghüpfervögel schwiegen ...
Leto bemerkte seltsame Verfärbungen der Wolken über dem Meer, eine Gruppe flackernder, sich langsam bewegender Lichter. So etwas hatte er noch nie zuvor gesehen. Der Kapitän, der sich mittschiffs im Deckshaus befand, erhöhte die Leistung der Motoren, worauf das Flügelboot immer schneller über das Wasser raste.
Leto schnupperte und nahm einen metallischen Ozongeruch mit einer säuerlichen Note wahr. Er kniff die grauen Augen zusammen und machte sich bereit, den Kapitän zu rufen. Die konzentrierte elektrische Aktivität bewegte sich gegen den Wind in nicht allzu großer Höhe über dem Wasser ... als wäre es etwas Lebendes.
Und es näherte sich.
Mit großer Besorgnis kehrte er um und betrat das Deckshaus. »Sehen Sie das, Käpt'n?«
Der ältere Mann ließ weder seine Steuerinstrumente noch das Phänomen aus dem Auge. »Ich beobachte es schon seit zehn Minuten, Mylord – und seitdem hat sich die Entfernung um die Hälfte verringert.«
»So etwas habe ich noch nie gesehen.« Leto stand hinter dem Sitz des Kapitäns. »Was ist das?«
»Ich habe da einen Verdacht.« In der Miene des Kapitäns mischten sich Sorge und Furcht. Er zog am Gashebel, worauf die Motoren noch lauter als zuvor dröhnten. »Ich denke, wir sollten schnellstens verschwinden.«
Leto legte seine ganze herzogliche Autorität in die Stimme und sprach ohne die Freundlichkeit, die sich im Verlauf des vergangenen Tages zwischen ihnen aufgebaut hatte. »Käpt'n, ich verlange eine Erklärung!«
»Es ist ein Elecran, Herr. Wenn Sie mich fragen.«
Leto lachte einmal kurz auf, dann verstummte er. »Ein Elecran? Ich dachte, das wäre nur ein Märchen.« Sein Vater, der alte Herzog, hatte gerne solche Geschichten erzählt, wenn sie gemeinsam an einem Strandlagerfeuer saßen und die Nacht nur durch flackernde Flammen erhellt wurde. »Du glaubst es nicht, was es draußen auf dem Meer alles gibt, Junge«, hatte Paulus gesagt und auf das dunkle Wasser gezeigt. »Deine Mutter würde bestimmt mit mir schimpfen, wenn sie wüsste, dass ich dir davon erzähle, aber ich denke, du sollest es erfahren.« Er nahm einen langen, nachdenklichen Zug aus seiner Pfeife, bevor er mit der Geschichte begann ...
Der Kapitän des Flügelboots schüttelte den Kopf. »Sie sind selten, Mylord, aber es gibt sie.«
Wenn ein derartiges elementares Phänomen wirklich existierte, ahnte Leto, wie viel Tod und Vernichtung es bringen konnte. »Dann wenden Sie das Schiff. Setzen Sie einen Kurs, der uns davon wegbringt. Maximale Geschwindigkeit.«
Der Kapitän schwenkte nach steuerbord. Das Kielwasser schäumte weiß. Das Deck neigte sich so weit zur Seite, dass unten die Männer aus den Kojen fielen. Leto klammerte sich an einer Stange fest, bis seine Fingerknöchel weiß hervortraten.
Thufir Hawat und Swain Goire eilten ins Deckshaus und wollten den Grund für das plötzliche Manöver wissen. Als Leto nach achtern zeigte, starrten die Männer durch das vom Nebel beschlagene Plazfenster. Goire fluchte und benutzte Begriffe, die er in Victors Nähe niemals in den Mund nahm. Hawat runzelte die Stirn, als sein komplexer Mentatenverstand die Situation analysierte und alle nötigen Informationen aus seinem Wissensvorrat heraussuchte. »Wir sind in Schwierigkeiten, Mylord.«
Das seltsame Gebilde näherte sich von achtern wie ein Hurrikan. Es wurde schneller und ließ Wasserdampf aufkochen. Auf der Stirn des Kapitäns stand glänzender Schweiß. »Es hat uns gesehen, Herr.« Er riss so heftig am Gashebel, dass er beinahe abgebrochen wäre. »Selbst mit diesem Flügelboot können wir ihm nicht entkommen. Machen Sie sich auf einen Angriff gefasst.«
Leto drückte den Alarmknopf. Innerhalb weniger Sekunden waren die Wachen da, gefolgt von den zwei Fischern. Rhombur trug Victor in den Armen, der sich durch den Aufruhr verängstigt an seinen Onkel klammerte.
Hawat starrte nach hinten und kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. »Ich habe keine Ahnung, wie wir gegen ein Märchen kämpfen sollen.« Er blickte seinen Herzog an, als wäre alles irgendwie seine Schuld. »Trotzdem werden wir es versuchen.«
Goire klopfte gegen die Wand des Deckshauses. »Dieses Schiff dürfte uns keinen Schutz bieten, oder?« Der Wachmann schien bereit, gegen alles zu kämpfen, was der Herzog als Feind einstufte.
»Ein Elecran ist eine Ansammlung von Geistern vieler Männer, die auf dem Meer in einem Sturm umgekommen sind«, sagte Dom. Die Stimme des Fischers klang unsicher, als er sich aus dem Deckshaus beugte, während die anderen auf das Achterdeck liefen, um sich dem Gebilde zu stellen.
Sein Bruder Gianni schüttelte den Kopf. »Unsere Großmutter sagte, es sei die lebendig gewordene Rache einer verschmähten Frau. Vor langer Zeit ging eine Frau während eines Gewitters nach draußen und verfluchte den Mann, der sie verlassen hatte. Sie wurde von einem Blitz getroffen, und so wurde der Elecran geboren.«
Letos Augen schmerzten, wenn er den Elecran anschaute, eine hohe Säule aus Elektrizität, die aus vertikalen Energieblitzen und Gasströmen bestand. Blaue Entladungen zuckten über die Oberfläche, eine Mischung aus Nebel, Dampf und Ozon hüllten ihn wie ein Schild ein. Als sich das Gebilde dem Flügelboot näherte, vergrößerte es das Volumen, während es wie ein Geysir Meerwasser aufsog.
»Ich habe gehört, dass es nur so lange am Leben bleiben oder existieren kann, wie es in Kontakt mit dem Wasser steht«, fügte der Kapitän hinzu.
»Diese Information ist schon etwas nützlicher«, sagte Hawat.
»Zinnoberrote Hölle! Wir können das verdammte Ding doch niemals aus dem Wasser heben«, sagte Rhombur. »Ich hoffe, es gibt noch eine andere Möglichkeit, es unschädlich zu machen.«
Hawat bellte einen Befehl, dann zogen die zwei Atreides-Wachen ihres Lasguns. Der Kriegermentat hatte darauf bestanden, dass sie die Waffen mit an Bord nahmen. Leto hatte sich gefragt, wozu sie während eines einfachen Bootsausflugs eine derartige Bewaffnung benötigten, doch nun war er froh darüber. Dom und Gianni blickten noch einmal auf den bedrohlichen Energiewirbel, dann flüchteten sie unter Deck.
Swain Goire überzeugte sich mit einem kurzen Blick über die Schulter, dass Victor bei Rhombur in Sicherheit war, dann hob auch er seine Waffe. Er war der Erste, der vom Heck des dahinrasenden Schiffs das Feuer eröffnete und dem Elecran einen heißen, pulsierenden Lichtblitz entgegenschleuderte. Die Energie traf auf den Wirbel und verschwand darin – ohne sichtbare Wirkung. Dann feuerten Thufir Hawat und der zweite Atreides-Wachmann.
»Keine Wirkung!«, rief der Mentat im zunehmenden Getöse. »Mylord, bleiben Sie in der Sicherheit der Kabine!«
Selbst im Deckshaus konnte Leto die Hitze in der Luft spüren und den Gestank nach verbranntem Salz und Tang riechen. Energieblitze fuhren durch den flüssigen Körper des Elecrans, der immer höher hinter dem Flügelboot aufragte. Mit nur einem Schlag konnte er das Schiff zerschmettern und jedem an Bord einen tödlichen Stromstoß versetzen.
»Es gibt keine Sicherheit, Thufir«, rief Leto zurück. »Ich lasse nicht zu, dass dieses Ding meinen Sohn bekommt!« Er blickte sich zum Jungen um, der sich an Rhomburs Hals klammerte.
Als wollte es seine Macht demonstrieren, senkte sich ein zuckender Tentakel herab und berührte die Holzwandung des Schiffs, wie ein Priester, der seinen Segen spendete. Ein Teil der metallenen Beschläge des Schiffs wurde abgesprengt, und heiße Funken tanzten über jedes leitende Element. Die Motoren gerieten ins Stottern und erstarben kurz darauf.
Der Kapitän versuchte sie wieder zu starten, aber sie gaben nur metallisch schabende Geräusche von sich.
Goire schien bereit, sich in die knisternde, wirbelnde Masse zu stürzen, als könnte er damit irgendetwas bewirken. Die Männer feuerten immer wieder ihre Lasguns auf das Zentrum des Elecrans ab, obwohl sie damit genauso erfolglos waren, als hätten sie Messer geworfen. Doch Leto erkannte nun, dass sie auf die falsche Stelle zielten. Nachdem das Flügelboot keine Energie mehr hatte, drehte es sich, sodass der Bug sich auf das Monstrum ausrichtete.
Als Leto seine Chance sah, verließ er das Deckshaus und lief zum spitzen Bug des Schiffes. Hawat rief etwas, um seinen Herzog zurückzuhalten, aber Leto brachte ihn mit einer entschiedenen Geste zum Schweigen. Wagemut war schon immer ein Markenzeichen der Atreides gewesen. Er musste nur beten, dass die Volksweisheiten des Kapitäns nicht jeglicher Grundlage entbehrten.
»Leto! Tu es nicht!«, rief Rhombur und drückte Victor fest an sich. Der Junge schrie und wand sich, wollte sich aus dem Griff seines Onkels befreien, um zu seinem Vater zu laufen.
Leto riss die Arme hoch und schrie das Monstrum an, in der Hoffnung, es abzulenken, sich als Köder anzubieten. »Hierher! Zu mir!« Er musste gleichzeitig seinen Sohn und seine Männer retten. Der Kapitän versuchte immer noch, die Maschinen wieder zum Laufen zu bringen, aber sie reagierten einfach nicht. Thufir, Goire und die zwei Wachen liefen zu Leto aufs Vorderdeck.
Der Herzog beobachtete, wie der Elecran größer wurde. Das Gebilde ragte nun wie ein gewaltiger Tornado vor ihnen auf, doch es hielt nur einen dünnen Kontakt mit dem Salzwasser, dem es seine körperliche Existenz verdankte. In der statischen Elektrizität stellte sich Letos Haar auf, und es fühlte sich an, als würden Millionen winziger Insekten über seine Haut krabbeln.
Jetzt kam es auf ein präzises Timing an. »Thufir, Swain – richten Sie die Lasguns auf das Wasser unter dem Ding. Verwandeln Sie das Meer in eine Dampfwolke.« Leto hob wieder die Arme und bot sich als Opfer an. Er hatte keine Waffe, nichts, womit er diese Kreatur bedrohen konnte.
Der furchterregende Elecran glühte immer heller – eine Masse aus knisternder, urwüchsiger Energie, die sich turmhoch über das Wasser erhob. Das Ungeheuer hatte kein Gesicht, keine Augen, keine Zähne, aber der gesamte Körper bestand aus Tod.
Hawat gab den Feuerbefehl, als Leto sich auf das Holzdeck fallen ließ. Zwei Lasguns entluden sich und verwandelten das Wasser in Dampf, wo die von Blitzen umzuckte Säule ansetzte. Weiße Wolken stiegen kochend auf.
Leto rollte sich zur Seite und versuchte, in den Schutz eines hohen Schandecks zu gelangen. Die zwei Atreides-Wachen eröffneten ebenfalls das Feuer und verdampften das Meer rund um den Energiewirbel.
Der Elecran geriet in hektische Bewegungen, als wäre er überrascht, dass er plötzlich den Kontakt zum Meerwasser verloren hatte. Er stieß einen unirdischen Schrei aus und schlug zweimal mit krampfartigen Blitzen nach dem Schiff. Als die Verbindung endgültig abgerissen war, verlor der Elecran seinen Zusammenhalt.
In einer grellen Funkenexplosion löste er sich in Nichts auf und kehrte ins Reich der Mythen zurück. In einem plötzlichen Schauer regneten die erhitzten Wassermassen aufs Deck nieder. Die dicken Tropfen sprudelten kribbelnd, als enthielten sie immer noch winzige Teile der Energie des Elecrans. Leto hatte das Gefühl, unter eine heiße Dusche geraten zu sein. Der Ozongestank erschwerte das Atmen.
Dann wurde der Ozean wieder friedlich, und alles war still und ruhig ...
* * *
Die Stimmung war gedämpft, als das Flügelboot in den Hafen zurückkehrte. Leto fühlte sich erschöpft und doch zufrieden, dass er das Problem gelöst und seine Männer gerettet hatte – und vor allem seinen Sohn –, ohne einen Toten oder Verletzten beklagen zu müssen. Gianni und Dom waren bereits dabei, die Geschichte auszuschmücken, die sie in stürmischen Nächten erzählen würden.
Eingelullt vom Summen der Motoren war Victor auf dem Schoß seines Vaters eingeschlafen. Leto starrte auf das Wasser hinaus. Er streichelte das dunkle Haar des Jungen und betrachtete lächelnd sein unschuldiges Gesicht. In Victors Zügen erkannte er die imperiale Abstammungslinie, die über Letos Mutter zu ihm führte – das schmale Kinn, die ausdrucksvollen grauen Augen, die Adlernase.
Als er den schlafenden Jungen betrachtete, fragte er sich, ob er Victor mehr liebte als seine Konkubine. Manchmal zweifelte er sogar, ob er Kailea überhaupt noch liebte – vor allem während des schwierigen vergangenen Jahres, in dem sie sich langsam und unaufhaltsam immer weiter voneinander entfernt hatten.
War es seinem Vater mit Helena genauso ergangen? Auch er war gezwungen gewesen, die Beziehung zu einer Frau aufrechtzuerhalten, deren Erwartungen sich sehr von seinen eigenen unterschieden. Und wie hatte ihre Ehe so sehr degenerieren können, bis sie das niedrigste vorstellbare Niveau erreicht hatte? Nur wenige Menschen wussten, dass Lady Helena Atreides gegen den alten Herzog intrigiert hatte, dass letztlich sie verantwortlich gewesen war, dass er in der Arena durch einen salusanischen Stier getötet worden war.
Leto streichelte seinen Sohn behutsam, damit er nicht aufwachte, und schwor sich, Victor nie wieder einer solchen Gefahr auszusetzen. Sein Herz schwoll an, als wollte es aus Liebe zu diesem Jungen platzen. Vielleicht hatte Kailea doch Recht gehabt. Er hätte das Kind nicht auf diesem Bootsausflug mitnehmen sollen.
Dann wurde das Gesicht des Herzogs wieder ernst, als er sich auf seine Autorität besann. Er erkannte die Feigheit hinter seinen Gedanken und erteilte sich einen Tadel. Ich darf ihn nicht zu sehr beschützen. Es wäre ein schwerer Fehler, dieses Kind zu verhätscheln. Nur wenn er sich Gefahren und Herausforderungen stellte, so wie Paulus Atreides es mit Leto gemacht hatte, konnte der junge Mann die Stärke und Intelligenz entwickeln, die er im späteren Leben brauchen würde.
Er blickte zärtlich lächelnd auf Victor. Schließlich könnte dieser Junge eines Tages den Titel eines Herzogs führen, dachte er.
Er sah, wie die graue Küste aus dem Morgennebel auftauchte, dann Burg Caladan und der Hafen. Es würde gut tun, wieder zu Hause zu sein.